Über das Projekt

Plastikmüll in Seevogelnestern: Systematische Analyse der Herkunft und Auswirkungen auf Brutpopulationen in der Deutschen Bucht

1. Hintergrund

Der Anteil an anthropogenem Meeresmüll hat in den letzten Jahrzehnten signifikant zugenommen. Müllablagerungen sind inzwischen in allen Weltmeeren und dort sowohl an der Meeresoberfläche als auch an Küstenabschnitten und auf dem Meeresboden zu finden. Die gesamte Plastikmüllmenge in den marinen Ökosystemen beträgt dabei schätzungsweise zwischen 65 und 150 Millionen Tonnen, was ca. 95% der gesamten anthropogenen Meeresmüllmenge darstellt. Es kann davon ausgegangen werden, dass bei der weiterhin steigenden Kunststoffproduktion auch der Eintrag von Plastikmüll in die Weltmeere stetig zunehmen wird. Inzwischen landen jährlich zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer, was zu schwerwiegenden Folgen in den marinen Ökosystemen und bei den dort lebenden Tierarten führen kann. Größere Plastikteile, wie Stricke oder Verpackungs- und Netzreste, haben oft tödliche Auswirkungen auf Meereslebewesen wie Säugetiere, Fische oder Vögel, die sich in den Rückständen verfangen und zugrunde gehen. Die Konsequenzen der Verstrickung in Plastikmüll auf Populationsebene werden vielfach unterschätzt. In Plastik verstrickte Tiere verenden häufig auf hoher See, wobei nur ein geringer Teil dieser Individuen an Land gespült wird. Die Auswirkungen auf Einzelindividuen sind dabei ausreichend gut dokumentiert, Abschätzungen auf Populationsebene fehlen jedoch weitestgehend.

2. Pilotprojekt 2015

In einem Pilotprojekt wurden u. a. auf Grund genannter Hintergrundinformationen in einer Kooperation aus GEO, Greenpeace, Verein Jordsand e. V. und dem Institut für Vogelforschung " Vogelwarte Helgoland", sieben Nester aus dem Felsen entnommen und das künstliche Nistmaterial vom natürlichen Material getrennt. In sieben Nestern konnten so ca. 10 kg Kunststoff gefunden werden. Das Material ist nun gelagert und kann für weitergehende Forschung untersucht werden.
Mehr Informationen zum Projekt von 2015 erhalten Sie hier.

3. Promotionsprojekt ab 2019

Auf Grund der hohen Öffentlichkeitswirksamkeit, der Hintergrundinformationen sowie dem Pilotprojekt von 2015 sollen in dieser vierjährigen Forschungsarbeit die Herkunft von Makroplastik sowie dessen Auswirkungen auf Seevögel in der Deutschen Bucht (Nordsee) untersucht werden. Größere Seevögel, wie Tölpel oder Sturmvögel reagieren sensitiv auf Veränderungen der Sterblichkeitsrate von adulten Individuen. Diese Sensitivität ist vor allem durch die Fortpflanzungsstrategie der Vögel bestimmt. Auf Grund von geringen Fortpflanzungsraten bei einer hohen Lebenserwartung können sich die Populationen nur langsam an sich ändernde Lebensraumveränderungen anpassen. Plastikmüll hat somit ein hohes Risikopotential für Seevogelpopulationen.

Untersuchungsgebiet für diese Arbeit ist das Naturschutzgebiet „Lummenfelsen“ auf der Insel Helgoland. Die dortigen Kolonien umfassen die einzigen deutschen Brutplätze der Hochseevögel Basstölpel (Morus bassanus), Trottellumme (Uria aalge), Tordalk (Alca torda), Eissturmvogel (Fulmarus glacialis) und Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla). Forschungsschwerpunkt dieser Arbeit ist der Basstölpel, welcher aktiv künstliches Nistmaterial in seine Nester einträgt. Dies hat negative Auswirkungen auf die Sterblichkeit durch Verstrickung der Basstölpel aber auch der anderen Brutvogelarten des Naturschutzgebietes, da diese sich ebenfalls in den Plastikrückständen verfangen und verenden.

Im Detail sollen in diesem Projekt zwei Schwerpunkte behandelt werden. Ersten sollen das Ausmaß, die Zeitspanne des Eintrages und die Herkunft des Plastikmülls in den Kolonien sowie dessen Auswirkungen auf Populationsebene untersucht werden. Der zweite Schwerpunkt liegt in der chemischen Analyse der gefundenen Plastikteile in den Nestern, um sie gegebenenfalls Industriesparten zuzuordnen und die jeweiligen Anwendungsgebiete festzustellen.
Vorläufig wurden aus den zwei Schwerpunkten für dieses Projekt vier Kapitel entwickelt, welche bearbeitet werden:

Ziel dieser erstmalig durchgeführten chemischen Analyse ist eine Identifikation potentieller Hersteller des künstlichen Materials in den Nestern.

Erstmalig sollen ganzjährig Verstrickungsdaten aufgenommen werden um das Ausmaß der zusätzlichen Sterblichkeit durch Plastikmüll zu bestimmen. Ziel ist es Anhand der erhobenen Daten und den Bruterfolgsdaten ein Populationsmodell zu entwickeln um die Folgen der Verstrickung auf die Population abschätzen zu können.

Ziel ist es, ein System zu entwickeln was für möglichst viele Arten anwendbar ist und mit welchem man anhand von Nestfotos möglichst einfach  abschätzen kann, wie stark eine Brutkolonie mit Plastikmüll kontaminiert ist.

Ziel ist es erstmalig den Zeitraum des Eintrags und die Herkunftsquellen des Materials im Meer zu bestimmen. Durch Vergleiche mit Spülsaumerfassungsdaten der deutschen Küsten und dem Material in den Nestern soll zusätzlich geprüft werden, ob Basstölpel gegebenenfalls gewisse Materialen präferieren.


4. Ziele des Projekts

Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen dazu führen, die Verursacher des Plastikeintrags in die Nordsee zu identifizieren und damit Politik, Wirtschaft und Naturschutz zur Entwicklung alternativer Materialien anzuregen. Diese Arbeit versteht sich als essentieller Beitrag, um die Auswirkungen von Meeresmüll auf Seevogelkolonien zu quantifizieren und diese künftig zu minimieren und damit auch den Eintrag von Plastikmüll in die Weltmeere zu reduzieren.